RL-Wipes

Sonntag, 13. Mai 2007

"Ja, danke. Volle Zeit."

Werter Leser, falls Sie dem elitären Kreise der Juristerei angehören und wenn Sie darüber hinaus noch einer sehr erfolgreichen Gastronomischen Schnellimbiskette angehören, dann blättern Sie doch bitte einfach mal über diese Zeile hier hinweg oder lesen Sie mit geschlossenen Augen, denn wenn man es nicht sieht, macht man sich doch auch nicht strafbar, oder?

In meinem Vertrag, den ich unlängst unterschrieb, steht irgendwo drin, das ich über innerbetriebliche Dinge stillschweigen zu bewahren habe, welche mir jedoch, auch bei Nachfrage, nur sehr nebulös und schwammig erläutert wurden, sprich ich in einem Minenfeld tappe. Ich möchte hiermit ausdrücklich darauf hinweißen, dass ich weder Willens bin, noch realistisch betrachtet, mich in der Lage sehe, durch Weitergabe von innerbetrieblichen Informationen meinem Arbeitgeber irgendwie Schaden zuzufügen. Dennoch möchte ich einfach aus meinem Arbeitsalltag berichten.

Also, ich bin hauptsächlich für die Zubereitung des Angebotes zuständig. Es ist harte, anstrengende Arbeit, aber sie wird bezahlt und für meine Region, in der ich heimisch bin, ist dies kein allzu schlechtes Geld. Deshalb bin ich froh über diese Arbeit.
Allerdings nimmt dieser Job mein ganzes Leben in Beschlag und beschneidet empfindlich meine Freizeit. Nun, werden Sie sicherlich denken, das ist bei jedem Beruf so.
Dennoch ist es für mich ungewohnt. Mich einen fleißigen Menschen zu nennen, das wäre doch stark übertrieben, dennoch scheue ich keine Mühe, ich werde ja dafür entlohnt. Doch im Hinterkopf zu haben, etwas zutun, was aus der stupiden Notwendigkeit des Überlebens resultiert, dies ist wenig motivierend.
Wenn man also an der Arbeit steht, sich überlegt, was man alles verpasst, damit monoton auf Bestellungen mit Sprüchen wie "Ja, danke" oder "Volle Zeit." reagiert, sind die Gedanken nach getaner Arbeit mehr als trübe mit dem Umkreisen der zukünftigen Lage beschäftigt.
Arbeitet man um zu Leben oder lebt man um zu arbeiten? Vielleicht geht man heutzutage auch einfach zu romantisch an die Sache und muss mit dem abgestumpften Geiste des zum Konsum dressierten Kleinbürgers sich der Sache nähren. Doch dafür steht mein Sinn zu fest auf dem harten Boden der Tatsachen, dass ich Geld dafür verdiene und es ausgebe, das Reiche über mir, noch reicher werden und Arme mit mir, noch ärmer.
Selbst der betäubende Konsum, der letztlich die Reichen reich macht, bleibt mir einfach aus Zeitmangel verwährt, ich habe keine Zeit, das Geld auszugeben und dennoch zerrinnt es zwischen meinen Fingern, oder besser gesagt, fließt in die Taschen der Grundversorger, die Vorstufe zur kriminellen Vereinigung.
Es muss etwas geben, womit man sein Geld ehrlich verdienen kann, ohne sein geistiges Inneres zum Krüppel zu schlagen. Doch leider, werter Leser, zahlen Sie mir keinen Cent für die Kost, die ich Ihnen hier darbiete und das ist wohl auch gut so. Sie haben auch keinen besseren Job als ich, da bin ich sicher. Schlimmer vielleicht, Sie haben gar keine Arbeit... und wenn doch, wenn sie sogar weit besser ist, als Burger zu verpacken und sich eine Brandtwunde nach der anderen zu holen, dann beglückwünsche ich Sie dazu.
Sehe Sie? Neid spielt nicht immer eine Rolle. Er erwächst aus dem einfachen Bedürfnis, es ebenso gut zu haben, wie andere, die vier Autos besitzen und ihre 3 Kinder damit studieren fahren lassen. Ich sollte mich aus der Klammer der Resignation befreien und zum Neid zurückkehren. Vielleicht gibt er mir Kraft, einfach weiter zuarbeiten, damit ich schnell zu dem gelange, was ich wirklich tunen möchte und vielleicht bringt mir dies dann sogar eine Lebensgrundlage ein...

Donnerstag, 19. April 2007

Kabelbrand

Verwirrende Anekdoten gibt es immer wieder. Auch die Gamesszene ist voll davon. Teamspeak-mitschnitte oder Clips auf Youtube beweißen es täglich. Doch durfte ich zuletzt wahrlich Zeuge der Geburtsstunde eines solchen Ereignisses seien.
Aber der Reihe nach.

Einer meiner Unikollegen ist ebenfalls Spieler in einem Schlachtzug und mit selbigem in World of Warcraft unterwegs. Drei Mal die Woche, jeweils drei Stunden. Freitags mit offenem Ende.
Ein paar Worte zu meinem Bekannten. Zwar kein Informatikstudent, aber nebenberuflich in einem Elektro-Discounter in der Abteilung Netzwerk in schickem rotweißem Arbeitsdress anzutreffen. Er ist zusätzlich ein brennender Fanatiker in Sachen Mobilität und kabelloses Netzwerk, sprich Wireless und Co. Abgesehen von einer Wohnung, in der das Umdrehen auf der Fernsehcouch zur Umräumaktion des gesamten Hausstandes ausartet kann, sind die ca. 34 m² effektive Wohnfläche mit zwei funktionstüchtigen Rechnern, weit überversorgt, weshalb sich mir die Frage nach dem Sinn stellt, warum man mit einem neuen Funkheadset denn überall in dieser…gigantischen Weite erreichbar bleiben muss. Schlicht weil es geht?
Hefeteig geht auch, bleibt dabei aber noch weitgehend sinnvoll.

Ich bin ja eh der Nostalgiker und habe immer wieder Freude am neuerlichen Strippenziehen. Ein Netzwerk zu bauen, ohne dabei wunde Ellenbogen von der Indiansummerfarbigem Vorwerkauslegware zu bekommen, das ist für mich kein hart erarbeitetes Glück am stabilen Datenfluss. Außerdem, wer an mein Netz will, der muss noch klassisch meine Tür aus den Angeln treten, um den Router abzugreifen, was wiederum den Schreiner glücklich machen würde. Ergo: Kabel sind der wahre Fortschritt.

Mein Bekannter ist Hordespieler und spielt Jäger. So trug es sich zu, dass er mit der Aufgabe des Kitens betraut wurde, sprich, mehre Monster über lange Strecken hin und her zu ziehen, damit diese von den empfindlichen Heilern fern bleiben. Darin war er auch entsprechend gut, so dass vorwiegend ihm diese Aufgabe zugestanden wurde. Ansonsten war er ein eiserner Verfechter der Autoshot-Afktheorie in Praxis und blätterte bei vielen Kämpfen lustlos in neuen Hardwarekatalogen, ohne den Blick auch nur zum Bildschirm zu werfen. Die Makros /traget + /stick unterstützten ihn dabei nach bestem Wissen und Gewissen.
Ein solcher Schlachtzug kann lang sein und freitags will er manchmal so gar nicht enden. Ich hatte mich aus mehren Gründen für den Mittwoch eingeladen und war somit zu Gast bei einem der Raids.
Er lag schon seit einer guten Woche mit einer schweren Harnwegsentzündung danieder und hatte immer noch schwer an Schmerzen und Fiber zu kauen. Nun pflegen wir einen vertrauensvollen Umgang mit einander und ich durfte mir gleich nach dem Eintreten, brühwarm erzählen lassen, wie das so ist, mit einer Harnwegsentzündung. Nicht das es mich interessiert hätte. Ohnehin hatte er sich seit gut vier Tagen nicht mehr aus dem Haus bewegt und nur in World of Warcraft verbracht. Ich fand, er habe es schlechter treffen können, doch hatte ich auch noch nie eine Entzündung des Harnleiters. Ich sollte noch lernen…gleich an diesem Abend.

Der Raid lief. Mein Freund fingerte desinteressiert an seiner Maus rum, schlug ein paar Tasten für seine Makros an und plauderte mit leidender Stimme, wie der Schmerz seine Lenden förmlich zerreißen würde und er sich schon gar nicht mehr traue, zu urinieren. Nun…der genaue Wortlaut war: „Ficken, ehy. Drecksentzündung, is als wenn man flüssiges Wachs pisst, so scheiße ehy, und ich muss die ganze Zeit auf den Pott wien Wallach.“
Dabei hatte er das Headset auf.
Ich fragte, ob er sich gemutet hätte. „Klar, immer…die sabbeln eh immer nur die Taktik für die Noobs durch…chillig also…“
Nun, so denn, es lief eine Weile so weiter. Er litt Qual und Folter, als würde er leibhaftig mit dem Penis voran ans Kreuz genagelt werden und wortreich bedacht wurde ich unfreiwillig Zeuge. Ich hätte ihm gerne den Oscar verliehen…oder wenigsten mit dem Preis bewusstlos geprügelt und wollte schon gehen.
Ich bin schon am Jacke zuknöpfen und drehe mich in der Tür um, er soll mir noch einige Zeitschriften raus suchen, die ich ihm geliehen hatte. „Wart kurz…“ Klick am Headset. Er murrt ein paar Worte ins Mikro. Dann springt er auf, natürlich in quälend langsamer Zeitlupe eines Soldaten mit tausend Bauchschüssen.
„Gleich…“ raunt er und verschwindet.
Ich stehe wartend in der Mitte des Raumes. Der Rechner und der Schlachtzug laufen unbeeindruckt weiter, ich bin selbst Spieler eines Jägers, was werde ich also tun, um die Zeit zu vertreiben? Ich setze mich vor dem Bildschirm hin und scrolle ein wenig im Chat hin und her. Der Jäger feuert statisch auf ein großes wabbelndes Ungeheuer, die anderen springen umher und alles ist am arbeiten.
Stöhnen in der Wohnung, das von gekachelten Wänden zum Echo aufgebauscht wird. Ich ignoriere es so gut es geht. Durch die Tür des Bads höre ich Keuchen und Wimmern. Immer wieder einige dumpfe Flüche: “Ficken…kacke…nee…jetzt komm halt…“
Ich scrolle weiter und betrachte gelangweilt den Kampfchatlog. Im Chatfenster herrscht seit einiger Zeit totenstille. Nichts ungewöhnliches, das gibt es bei großen Gegnern oft.
„FICKEN…ICH PISS HIER BLUT UND EITER…DRECKS…ARRG…DAS TUT SO WEH…“ Mehre gutturale Ausrufe reihen sich an hilfloses Gewimmer und erstickte Stoßgebete an.
Ich wollte das gerne ignorieren, weil ich es nicht besonders erbaulich fand und schloss die Augen, um an die schönen Dinge in meinen Leben zu denken. Den Körper meiner Verlobten. Doch dazu das Stöhnkonzert vom Abort der Wohnung zuhören, vertrieb mir schnell das Bild meiner Herzangetrauten.
Als ich meine Augen öffnete, explodierte vor mir förmlich der Chat:
„Lol, wtf, xD, XDDDDD, was geht oO , ROFL, LOL!!!! was zum…“ und noch mehr xD.
Alles mehr oder weniger deutliche Zeichen, das entweder was im Schlachtzug schief läuft oder sie das böse Monster überraschend besiegt haben.
Nein, weit gefehlt und auf einmal habe ich keine Probleme mehr damit, den leidenden Markschreier im WC zu ignorieren. Scheinbar seine Freunde und Kollegen aus dem Schlachtzug, in dem er gerade mitspielt umso mehr. Der Anschaulichkeit wegen die folgenden Chatzeilen so genau wie möglich:
„…der pisst nich wirklich grad…Oo“
„…xD…is das geil…“
„aua…XD…“
„…ich glaub, der pinkelt gerade rasierklingen…“
„spielt der nich...oder pisst er in ne ente…“
„hat nen eimer unterm Schreibtisch…als farmer brauchste das auch…xDDD“
„omg wie geil…“
„schneidet das einer mit? ^^ “
„xDDDDDD“


Es dauert etwa 12 Minuten. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber den Gegner haben sie noch getötet. Erstaunliche Leistung, bei der Geräuschkulisse. Ich selbst konnte nicht wirklich lachen, dafür war das Livegeschreie etwas zu gruselig.
Mein Uni-Kollege kam wieder, rote Augen und verschwitztes Gesicht.
„Ich kann nich mal pissen, ehy…und morgen kommt meine Freundin…wie soll ich dien flachlegen so…“
Ich starrte den Rechner an und musste doch sehr an mich halten. Endlich konnte ich mich umdrehen, um ihm mit todernstem Gesicht zusagen, dass sein Schlachtzug schon die Beute aufteilen würde, aber nichts für einen Jäger dabei gewesen wäre. Ich weiß heute nicht mehr ob es gestimmt hatte, es war mir auch egal. Ich wollte nur weg, bevor ich an unterdrücktem Lachen erstickte. Beim Rausgehen habe ich ihm noch geraten, seiner Freundin besser nicht beizuwohnen, wolle er sie nicht anstecken.
„Alter…aber ich hab schon vier tage nich mehr…“ sagte er, noch zu mir gedreht, immer noch nicht die Augen auf dem Bildschirm, das Headset lag locker um seinen Hals, das Mikro am Kinn.
Hinter ihm sah ich den Monitor in orange Zeilen getaucht. Sogar einige pinkfarbene Zeichen, wohl Mitspieler, die nicht mehr konnten und ihn um eine Auszeit bitten wollten oder Leute, die ihm gute Besserung wünschten. Das tat ich beim Rausgehen ebenfalls und hatte dabei meine Zeitschriften ganz vergessen.

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